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Der Hungerbrunnen

Der Hungerbrunnen
Faktenlage – Wie gut ist das belegt?
Gut belegt Spekulativ
Spekulativ: Für diese Einordnung existieren keine eindeutigen Belege.

Ein Brunnen, der schwieg

Vor vielen Jahrhunderten stand auf der heutigen Wieden in Wien ein Brunnen, der kein Wasser mehr gab, und doch sprach man ständig über ihn. Niemand wusste, wann zuletzt ein Eimer hinabgelassen worden war, denn selbst die Ältesten konnten sich nicht erinnern, jemals frisches Wasser daraus geschöpft zu haben. Dennoch blieb er im Gedächtnis der Menschen lebendig, weil eine Sage von ihm erzählte, die ebenso schlicht wie unheimlich war.

Man sagte, der Brunnen werde nur dann Wasser führen, wenn Mißwachs und Hunger ins Land ziehen. Deshalb betrachteten ihn die Bewohner mit einer Mischung aus Aberglauben und wachsender Sorge, während sie zugleich hofften, er möge für immer trocken bleiben. Oft beugten sich Nachbarn über den steinernen Rand, spähten in die Tiefe und suchten nach einem Schimmer, der wie ein Spiegel des Himmels wirkte. Doch Jahr um Jahr blieb der Grund staubig und leer, und so atmete man erleichtert auf.

Gleichzeitig blieb die Angst, denn ein Brunnen, der nur in Zeiten des Unheils Wasser spendet, ist kein gewöhnlicher Ort. Er wird zum Zeichen, zum Mahnmal, vielleicht sogar zum stillen Propheten. Obwohl viele die Sage belächelten, mied doch niemand die prüfenden Blicke in die Tiefe.

Das Jahr 1271 – Wasser als Warnung

Im Frühjahr des Jahres 1271 veränderte sich alles. Zunächst bemerkte man im Brunnengrund ein seltsames Leuchten, das wie das Spiegelbild des Himmels erschien, obwohl kein Wasser zu sehen war. Kurz darauf hörten die Menschen ein Rauschen und Gurgeln, als würde die Erde selbst zu sprechen beginnen. Wenige Tage später stand das Wasser bis zum Rand.

Die Kunde verbreitete sich rasch, und bald flüsterten die Leute: Der Hunglbrunn hat Wasser, das bedeutet Unglück. Während einige noch zweifelten, erinnerten sich andere an die alte Überlieferung und spürten, wie sich Furcht in ihren Herzen ausbreitete. Tatsächlich gilt das Jahr 1271 in den historischen Quellen als ein schweres Jahr für die Region, denn außergewöhnliche Witterungsbedingungen führten zu massiven Ernteausfällen.

Faktencheck

📜 1271 gilt als Konfliktjahr unter König Ottokar II. von Böhmen.

🌾 Chroniken berichten von Dürre und Ernteausfällen in Mitteleuropa.

🏘️ Wien bestand aus mehreren Vorstädten, darunter Hunglbrunn.

🏛️ Das Wappen mit dem Ziehbrunnen ist im Alten Rathaus in der Wipplingerstraße belegt.

🔗 Weitere Sage: Das Donauweibchen

Den ganzen Sommer über fiel kein Regen, und die Sonne brannte mit einer Hitze, die Chronisten später als unerträglich beschrieben. Das Gras verdorrte, während die Bäume ihr Laub verloren, und zugleich schrumpften die Feldfrüchte zu harten, trockenen Halmen. Man konnte das Korn nicht einmal mit der Sense schneiden, weshalb die Menschen die Körner mit der Hand abstreiften.

Deshalb war die Ernte so schlecht wie seit Menschengedenken nicht mehr. Obwohl der Hungerbrunnen anfangs Wasser geführt hatte, versiegte auch er wieder, als die Dürre ihren Höhepunkt erreichte. Andere Brunnen und Bäche trockneten ebenfalls aus, und die Donau wurde zur letzten Hoffnung.

Nachts schlichen die Menschen zum Fluss, tranken hastig und kehrten erschöpft zurück. Doch viele erkrankten, denn verunreinigtes Wasser und geschwächte Körper sind eine gefährliche Mischung-

Hitze, Feuer und Krieg

Während die Hitze weiterhin auf Wien lastete, geschah im Juli eine weitere Katastrophe. Ein großer Brand brach aus, und weil die Dächer aus Holz und Stroh durch die Dürre vollkommen ausgetrocknet waren, griff das Feuer rasend schnell um sich. Wasser zum Löschen fehlte, weshalb zahlreiche Häuser bis auf die Grundmauern niederbrannten.

Gleichzeitig tobten politische Konflikte in Mitteleuropa. Im Jahr 1271 führte König Ottokar II. von Böhmen Krieg gegen Ungarn, und Wien lag im Einflussbereich dieses mächtigen Herrschers. Historisch ist belegt, dass Ottokar II., auch Přemysl Ottokar II. genannt, einer der bedeutendsten Herrscher seiner Zeit war und große Teile des heutigen Österreich kontrollierte. Während seines Feldzugs durchzogen Truppen die Stadt, verlangten Nahrung und Unterkunft, doch die Wiener hatten selbst kaum genug zum Überleben.

Deshalb verschärfte sich die Not, denn Soldaten und Bürger konkurrierten um die letzten Vorräte. Das Heer musste schließlich innehalten, weil Versorgung und Moral schwanden, und dennoch blieb es eine Zeit lang in Wien. Für die Bevölkerung bedeutete das zusätzliche Belastung, während ohnehin Hunger und Krankheit wüteten.

Ob man all diese Ereignisse dem Wasser im Brunnen zuschrieb oder ob man im Nachhinein eine Verbindung herstellte, lässt sich nicht eindeutig sagen. Doch die Gleichzeitigkeit von Dürre, Brand und Krieg brannte sich tief ins kollektive Gedächtnis ein. So wurde der Hungerbrunnen zum Symbol eines Unglücksjahres, das man nie vergessen wollte.

Regen, Erinnerung und ein Name

Erst im Herbst fiel endlich der ersehnte Regen. Die Menschen liefen auf die Straßen, fingen die Tropfen mit den Händen auf und stellten Gefäße ins Freie, um das kostbare Wasser zu sammeln. Bald begannen Quellen wieder zu fließen, während Bäche neue Kraft gewannen und die Brunnen erneut Wasser führten.

Mit dem Regen kehrte zwar keine sofortige Fülle zurück, doch die Hoffnung wuchs. Gleichzeitig erzählte man immer wieder vom Hungerbrunnen, dessen Wasser das Unglück angekündigt habe. Aus der Vorstadt entstand später eine Gemeinde, die den Namen Hungerbrunnen trug, im Volksmund jedoch Hunglbrunn genannt wurde.

Historisch ist belegt, dass Wien im Mittelalter aus mehreren Vorstädten und eigenständigen Gemeinden bestand, die erst später eingemeindet wurden.

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Die Gemeinde Hunglbrunn führte im Amtssiegel das Bild eines Ziehbrunnens mit Wassereimer, was die Bedeutung des Ortes unterstrich. Im alten Rathaus in der Wipplingerstraße erinnert noch heute ein Wappen mit einem solchen Brunnenmotiv an diese Vergangenheit.

Bis zur späteren Bezirkseinteilung existierte sogar eine Hungelbrunngasse, die heute Schönburgstraße heißt. Damit blieb die Erinnerung nicht nur in Geschichten lebendig, sondern auch im Stadtbild selbst verankert. Während viele Sagen verblassen, fand diese Erzählung ihren Platz in offiziellen Zeichen und Namen.

Zwischen Sage und Wirklichkeit

Ob der Brunnen tatsächlich nur im Jahr 1271 Wasser führte oder ob sich Naturereignisse und Legende überlagerten, lässt sich heute nicht mehr mit Sicherheit klären. Wahrscheinlich verband die Bevölkerung reale Erfahrungen von Dürre und Not mit einem symbolischen Ort, der als Projektionsfläche diente. Denn in Zeiten existenzieller Bedrohung suchen Menschen nach Zeichen, die Ordnung in das Chaos bringen.

Zugleich zeigt die Geschichte, wie eng Natur, Politik und Alltag miteinander verwoben waren. Eine Dürre bedeutete nicht nur fehlendes Wasser, sondern auch Hunger, Krankheit und soziale Spannungen. Ein Krieg verschärfte die Lage zusätzlich, während Brände in dicht bebauten Städten rasch verheerende Ausmaße annahmen.

Dennoch bleibt im Kern eine märchenhafte Vorstellung bestehen: Ein Brunnen, der wie ein Orakel wirkt und das Schicksal ankündigt. Diese Vorstellung verleiht dem Ort eine beinahe mystische Aura, obwohl die Fakten nüchtern betrachtet auf klimatische Extreme und historische Konflikte verweisen. Gerade in dieser Verbindung aus belegbarer Geschichte und erzählerischer Deutung liegt die Kraft der Sage.

So steht der Hungerbrunnen sinnbildlich für eine Zeit, in der Naturereignisse als Botschaften gelesen wurden. Er erinnert daran, dass Wasser Leben spendet, doch zugleich Angst hervorrufen kann, wenn es als Vorzeichen gedeutet wird. Und während die moderne Stadt Wien längst über sichere Wasserversorgung verfügt, hallt die alte Geschichte weiter nach – leise, warnend und zugleich faszinierend.


Häufig gestellte Fragen – FAQ

Was war der Hungerbrunnen?

Der Hungerbrunnen war ein alter Brunnen in der Vorstadt Hunglbrunn auf der heutigen Wieden in Wien, dem man eine unheilverkündende Bedeutung zuschrieb.

Warum galt der Brunnen als Unglückszeichen?

Der Sage nach führte er nur dann Wasser, wenn Mißwachs, Hunger oder andere Katastrophen bevorstanden.

Was bedeutet Mißwachs?

Der Begriff stammt aus älterem Deutsch und setzt sich aus „Miß-“ (schlecht, fehlerhaft) und „Wachs“ (Wachstum) zusammen. Gemeint ist also ein „schlechtes Wachstum“ der Feldfrüchte. Typische Ursachen für Mißwachs waren: Dürre und extreme Hitze, Dauerregen oder Überschwemmungen, Frost oder Hagel, Schädlingsbefall

Was geschah im Jahr 1271?

1271 kam es zu extremer Dürre, Ernteausfällen, Bränden und kriegerischen Belastungen durch Truppenbewegungen.

Ist die Dürre historisch belegt?

Mittelalterliche Chroniken berichten wiederholt von außergewöhnlichen Hitze- und Dürreperioden in Mitteleuropa.

Wer war Ottokar II. von Böhmen?

Ottokar II. war ein mächtiger Herrscher des 13. Jahrhunderts, der große Teile Österreichs kontrollierte und 1271 Krieg gegen Ungarn führte.

Existieren heute noch Spuren des Hungerbrunnens?

Im Alten Rathaus in der Wipplingerstraße ist das Wappen mit dem Ziehbrunnen erhalten, das an die Gemeinde erinnert.

Ist der Hungerbrunnen historisch nachweisbar oder nur Sage?

Die Dürre und die politischen Ereignisse sind historisch belegt, während die Deutung des Brunnens als Unglückszeichen zur Sagenüberlieferung gehört.


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