Eine Wiener Sage von Armut, Verführung und Macht
Im Geflecht der Wiener Sagenwelt existieren Erzählungen, die weniger durch Schrecken als durch leise Bedrohung wirken. Der Schabdenrüssel gehört zu diesen Geschichten. Er tritt nicht als lärmendes Monster auf, sondern als Folge menschlicher Entscheidungen. Gerade deshalb entfaltet die Sage eine nachhaltige Wirkung. Sie erzählt von Not, von Neid und von einem Handel, der zunächst Erlösung verspricht, jedoch einen unsichtbaren Preis verlangt.
Zeitlich lässt sich die Sage dem späten Mittelalter zuordnen, vermutlich dem 15. Jahrhundert. Wien war damals eine wachsende Stadt, doch Reichtum und Elend lagen dicht beieinander. Während Kaufleute und Zünfte Wohlstand anhäuften, lebten viele Menschen am Rand der Existenz. In dieser sozialen Spannung entstand die Geschichte vom Schabdenrüssel.
Wien zwischen Festfreude und Elend
Das mittelalterliche Wien war geprägt von Gegensätzen. Einerseits fanden regelmäßig Feste, Hochzeiten und kirchliche Feiern statt, bei denen Reichtum offen zur Schau gestellt wurde. Andererseits lebten zahlreiche Menschen von Almosen und Gelegenheitsarbeit.
Faktencheck
📖 Die Sage gehört zum alten Wiener Volksgut.
🏘️ Sie spielt in der Inneren Stadt rund um enge Gassen und Wirtshäuser.
💰 Im Mittelpunkt stehen soziale Not, Versuchung und ein folgenschwerer Handel.
🗣️ Die Erzählung wirkt zugleich als Moralgeschichte und Warnung.
🔗 Weitere Sage: Teufel und die Bognerin
Bettler gehörten zum Stadtbild, und ihre Anwesenheit wurde zugleich geduldet und verachtet.
Gerade bei großen Festlichkeiten strömten sie in die Stadt. Musikanten, Gaukler und fahrendes Volk vermischten sich mit den Armen, denn dort, wo gefeiert wurde, hoffte man auf milde Gaben.
Doch nicht jeder ging zufrieden nach Hause. Manche blieben zurück mit dem Gefühl, übersehen worden zu sein.
In diesem Umfeld setzte die Sage an. Sie knüpfte an reale Erfahrungen an und gab ihnen eine erzählerische Form. Denn wo soziale Ungerechtigkeit erlebt wird, entsteht schnell der Gedanke an übernatürliche Hilfe.
Der Bettler und der verhängnisvolle Wunsch
An einem Tag großer Festlichkeit, als in Wien die Hochzeit eines reichen Kaufmannssohnes begangen wurde, saß ein buckliger Bettler an den Stufen der Kirche und hielt seinen Hut hin. Spielleute zogen vorüber, Gaukler vollführten ihre Kunststücke, und fröhliches Gelächter erfüllte die Straßen. Immer wieder richtete der Bettler den Blick auf die Vorübergehenden und sprach mit klagender Stimme: „Ein kleines Almosen, ihr guten Leute, nur eine Gabe für einen Armen.“ Doch die meisten gingen achtlos vorbei, und nur wenige Münzen fielen in seinen schäbigen Hut.
Als der Tag sich neigte, nahm der Bettler den Hut zu sich, schüttelte ihn und starrte missmutig auf den kümmerlichen Inhalt. „So also ist es“, knurrte er, „ihr lebt im Überfluss, schmückt euch mit Gold und Seide, und für einen Kranken bleibt kein Blick übrig.“ Er zog den Hut über den Kopf, stand mühsam auf und fluchte leise vor sich hin. Dann sprach er lauter, fast trotzig: „Da möchte ich lieber den Teufel selbst um ein Almosen bitten, als weiter auf dieses hochmütige Kaufmannsvolk angewiesen zu sein.“
„Ein kühner Wunsch“, sagte plötzlich eine Stimme neben ihm. Erschrocken wandte sich der Bettler um und sah ein kleines, hinkendes Männlein in grünem Samtgewand, mit schwarzem Hut und roter Feder. „Was starrst du so?“ fragte der Kleine lächelnd. „Du hast doch eben gerufen, und ich habe dich gehört.“
Das Werkzeug des Reichtums
„Wer bist du?“ fragte der Bettler misstrauisch. „Einer, der geben kann“, erwiderte der Fremde, „wenn man ihm Gehör schenkt.“ Als der Bettler sah, wie der Kleine in seine Tasche griff, schöpfte er Hoffnung. „Habt Ihr eine Gabe für mich?“ fragte er hastig. Doch der Fremde schüttelte den Kopf. „Nicht hier“, sagte er leise. „Komm mit mir.“
Sie gingen in eine stille Seitengasse, fern vom Lärm der Feier. Dort zog der Kleine eine unscheinbare Raspel hervor. „Sieh“, sprach er, „dieses Werkzeug ist mehr wert als ein schwerer Taler. Fahr dir damit über die Lippen und sprich: Schab den Rüssel. Dann wirst du sehen, wie freigiebig ich bin.“
Der Bettler zögerte, doch die Neugier siegte. Kaum hatte er die Raspel angesetzt, durchfuhr ihn ein brennender Schmerz. Noch ehe er klagen konnte, klirrte ein Goldstück auf das Pflaster. „Noch einmal“, stammelte er. Wieder fiel Gold.
Mit glänzenden Augen rief er: „Und wie oft kann man dieses Wunder wiederholen?“ Der Fremde lachte leise. „So oft du willst und solange dein Mund es aushält.“ Dann wurde seine Stimme ernst. „Doch merke dir eines: Sieben Jahre sollst du dieses Glück genießen. In dieser Zeit darfst du weder beten noch eine Kirche betreten. Danach aber kommst du mit mir.“
Der Bettler fröstelte. „Meine Seele also?“ fragte er leise. „So ist es“, antwortete der Kleine. Nach kurzem Schweigen nickte der Bettler. „Kommt Zeit, kommt Rat“, murmelte er. Als er aufsah, war der Fremde verschwunden.
Macht, Verfall und soziale Isolation
Von diesem Tag an schabte der Bettler Gold von seinem Mund. „Schab den Rüssel“, sagte er, und Münzen fielen zu Boden. Doch jedes Mal riss ein Stück Haut mit, und sein Mund schwoll an, wurde wund und verkrustet. Bald musste er ein Tuch tragen, denn sein Gesicht nahm eine seltsame Form an. Auf der Straße lachten die Leute. „Seht ihn euch an“, riefen sie, „welch ein Saurüssel!“ Dann senkte er den Blick und sprach kalt: „Schab den Rüssel.“ Und augenblicklich verstummten sie.
Reichtum sammelte sich. Er baute sich ein Haus, hielt Diener und lebte im Überfluss. In den Wirtshäusern ließ er Gold springen, und viele suchten seine Nähe. Doch wenn er nachts allein saß, tastete er über den entstellten Mund und fragte sich: „Was nützt mir all das, wenn mich keiner achtet?“ Die Jahre vergingen, und mit jedem Tag rückte das Ende des Paktes näher.
Die Umkehr des Paktes
Am letzten Tag saß der reiche Mann im Lehnstuhl und trank Wein, als sich die Tür öffnete. Das kleine Männlein trat ein. „Deine Zeit ist um“, sagte es ruhig. Der Mann lachte heiser. „Zeit? Für mich gilt nur eines.“ Er griff nach der Raspel. „Schab den Rüssel!“
Ein Schrei erfüllte den Raum, als die Raspel dem Teufel übers Maul fuhr. „Halt ein!“ rief er jammernd. „Ich verzichte auf den Pakt, nur lass ab!“ Erst als dieses Versprechen gegeben war, senkte der Mann die Hand.
Er blieb reich und frei, doch sein Mund blieb gezeichnet. „Ich habe dich besiegt“, sagte er leise, doch es lag kein Jubel in seiner Stimme. Die Sage endet ohne Erlösung. Sie endet mit der Erkenntnis, dass kein Handel mit dunklen Mächten spurlos bleibt, auch wenn man ihm entkommt.
Häufig gestellte Fragen – FAQ
Die Sage erzählt von einem armen Bettler im mittelalterlichen Wien, der dem Teufel begegnet und ein magisches Werkzeug erhält, mit dem er durch das Schaben seines Mundes Goldstücke hervorbringt.
Das Zauberwort „Schab den Rüssel!“ aktiviert die magische Raspel: Jedes Mal, wenn der Mann damit über seinen Mund fährt und den Spruch spricht, fällt ein Goldstück heraus – selbst auf Kosten seiner Lippen.
Ein kleines, hinkendes Männlein in grünem Gewand – verkleidet als Fremder – erscheint dem Bettler und übergibt ihm das Werkzeug, nachdem er dessen Klagen gehört hat.
Der fremde Geber erklärt, dass der Bettler sieben Jahre lang den Reichtum genießen darf, aber während dieser Zeit weder beten noch eine Kirche betreten darf – danach müsse er dem Fremden folgen.
Durch das ständige Schaben seines Mundes wird der Mann reich, baut ein prächtiges Haus und führt ein Leben im Überfluss, obwohl seine Lippen verwundet und entstellt sind.
Sein verformter, verletzter Mund, der wie ein „Rüssel“ aussieht, bringt ihm diesen Spitznamen ein, und die Leute reagieren auf ihn oft mit Spott oder Respekt.
Am Ende der sieben Jahre erscheint der Fremde wieder – doch der reiche Mann nutzt die Raspel gegen ihn selbst und zwingt den Teufel, auf den Pakt zu verzichten.
Die Sage wirkt als Moralgeschichte über Versuchung, Gier, Missachtung religiöser Werte und darüber, dass nicht jeder „Handel mit dem Teufel“ gelingt – aber Spuren hinterlässt, selbst wenn man entkommt.
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