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Wo die Kuh am Brett spielt – Wiener Sage aus der Bäckergasse

Wo die Kuh am Brett spielt
Faktenlage – Wie gut ist das belegt?
Gut belegt Spekulativ
Spekulativ: Für diese Einordnung existieren keine eindeutigen Belege.

Häuser ohne Nummern und Zeichen mit Bedeutung

Es hat in Wien eine Zeit gegeben, in der das Auffinden eines Hauses weniger eine Frage der Ordnung als der Einbildungskraft war, so auch in der Bäckergasse. Straßen kannten zwar Namen, doch Hausnummern fehlten, und wer jemanden suchte, musste sich auf Hinweise verlassen, die eher erzählerisch als exakt waren. Man sagte nicht, gehe zur Nummer soundso, sondern man schickte den Boten zu jenem Haus, wo ein bestimmtes Bild hing, oder zu dem Ort, an dem etwas Merkwürdiges geschehen war. Während heute Klarheit durch Zahlen herrscht, war damals das Gedächtnis der Stadt gefragt, und deshalb behalf man sich mit Zeichen, die im Auge blieben.

Zugleich war das Leben lauter und unmittelbarer. Viele Menschen konnten nicht lesen, und doch wollten Händler, Wirte und Hausbesitzer gefunden werden. Deshalb entstanden die Hauszeichen, gemalt auf Holz oder Stein, bunt, auffällig und oft von erstaunlicher Kunstfertigkeit. Manche waren schlicht und erklärend, andere verspielt oder spöttisch, doch alle erfüllten ihren Zweck. Außerdem erzählten sie Geschichten, denn hinter fast jedem Schild verbarg sich ein Ereignis, ein Mensch oder ein kleiner Skandal, der im Volksmund weiterlebte.

Während manche dieser Zeichen mit der Zeit verschwanden, blieben ihre Namen erhalten. So sprach man von Häusern, wo der Hahn in den Spiegel schaut, wo der Wolf den Gänsen predigt oder wo der Durst gelöscht wird. Dennoch gab es eines, das durch seine Sonderbarkeit besonders auffiel und das bis heute Fragen aufwirft. Es war das Haus, das man nannte: wo die Kuh am Brett spielt.

Hauszeichen und sprechende Bilder der Stadt

Mancher besonders vorausschauende Hausbesitzer begnügte sich nicht mit gemalten Zeichen, sondern ließ steinerne Figuren anbringen, die zugleich Wohlstand zeigten und nicht selten beachtliches handwerkliches Können verrieten.

Die meisten dieser Darstellungen gingen im Laufe der Jahrhunderte verloren, doch eine bemerkenswerte Figur ist noch heute am Eckhaus Tuchlauben und Landskrongasse erhalten.

Faktencheck

🏘️ Die Sage spielt in der alten Bäckergasse in Wien.

🔢 Im Mittelalter trugen Häuser Zeichen statt Nummern.

🐄 Das Wirtshaus „Zur Kuh am Brett“ gab der Gasse ihren Namen.

📜 Hauszeichen dienten als Orientierung.

🔗 Weitere Sage: Hungerbrunnen

Dort wo einst das Winterbierhaus an der Ecke Wildbretplatz und Landskrongasse stand und dessen Wahrzeichen einen Fischer zeigt, der sich über einem Kohlenbecken wärmt.

Der Stoff für solche Haus- und Kaufmannsschilder ergab sich meist aus dem Gewerbe des Besitzers, aus persönlichen Neigungen, aus Straßenereignissen oder religiösen Motiven, doch ebenso häufig griff man zu spöttischen oder derben Darstellungen, die sich gerade wegen ihrer Auffälligkeit rasch im Volksmund festsetzten.

Selten waren diese Namen frei erfunden, vielmehr besaßen sie fast immer einen lokalen Hintergrund, der später in Vergessenheit geriet, während die Bezeichnung fortlebte.

Bekannte Hausnamen und ihre Lagen
Zum Lösch den Durst – Laimgrube
Zu den drei lüftigen Brüdern – Schottenfeld
Zum gewünschten Frieden – Alt-Lerchenfeld
Wo die Gans beschlagen wird – Himmelpfortgasse 3
Wo der Wolf den Gänsen predigt – Wallnergasse 17
Zum Basilisken – Schönlaterngasse 7
Zum großen Salzlöffel – Salzgries
Zum Hahnenbeiß – Am Hof
Wo der Hahn in den Spiegel schaut – Eisgrübl 4
Küß den Pfennig – Adlergasse 4
Wo die Kuh am Brett spielt – obere Bäckergasse 16
Der Heidenschuss – Heidenschuss/Am Hof

Ein gestrenger Stadtrichter und sein neues Haus

In der oberen Bäckergasse ließ sich damals der landesfürstliche Stadtrichter Hieronymus Kuh nieder, ein Mann von Rang und Einfluss, zugleich gefürchtet und geachtet. Er stand in der Gunst des Herzogs Rudolf IV., und doch war er im Volk wenig beliebt, denn seine Amtsführung galt als streng und unerbittlich. Dennoch trug er die Härte mehr nach außen als im Herzen, was nur wenige ahnten.

Sein neues Haus war ein Zeichen seines Erfolges. Zwei ältere Gebäude waren dafür gewichen, und an ihrer Stelle erhob sich nun ein stattlicher Bau mit breiter Front, hohem Giebel und kunstvoll gearbeiteten Erkern. Vor dem Tor befand sich eine überdachte Laube, getragen von schlanken Säulen, und dort saß der Stadtrichter gern in den Abendstunden. Während der Wein eingeschenkt wurde, spielte man Damenbrett, sprach über Politik und Stadtgeschichten, und für einen Moment vergaß der Hausherr die Last seines Amtes.

Doch so mächtig Hieronymus Kuh in der Stadt erschien, daheim war er ein anderer Mensch. Seine Frau war früh verstorben, und sein ganzes Herz hing an der Tochter Trude. Sie führte den Haushalt mit sicherer Hand, und obwohl sie jung war, widersprach ihr der Vater kaum. Deshalb wunderte es niemanden, dass selbst der gestrenge Stadtrichter lächelte, wenn Trude sprach, und dass er sich von ihr lenken ließ, während er draußen über andere richtete.

Hans Kagelwidt und die Rose im Garten

Ein häufiger Gast in der Laube war Hans Kagelwidt, der lustige Rat des Herzogs. Er war bekannt für seinen Witz, für seine Streiche und für Augen, in denen es funkelte, als wohnten kleine Teufel darin. Wo immer er erschien, öffneten sich Türen, und während manche den Kopf schüttelten, lachten die meisten doch gern mit ihm. Deshalb war es auffällig, dass er beinahe täglich in der Bäckergasse gesehen wurde.

„Ihr kommt oft zu uns, Herr Rat“, sagte Trude eines Tages mit gespielter Strenge, als sie ihm im Garten begegnete.
„Weil es hier die schönsten Rosen gibt“, entgegnete Kagelwidt und verneigte sich leicht.

Während er sprach, brach unter seiner Hand ein Zweig, und eine scharlachrote Rose blieb ihm zurück. Er erschrak, denn er wusste um Trudes Liebe zu ihren Blumen. Doch sie erkannte den Ernst hinter seiner Verlegenheit und konnte ein Lächeln nicht unterdrücken.

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„Ihr seid ein rauer Geselle“, sagte sie, „und doch tut Ihr, als liebtet Ihr alles Zarte.“
„Wie die guten Menschen liebe ich die Blumen“
, antwortete er leise.

Daraufhin lachte Trude, und für einen Moment war alles Scherz und Nähe. Kagelwidt steckte ihr die Rose an das Kleid, und obwohl sie ihn neckte, ließ sie es zu.

Währenddessen ahnte niemand, dass aus dieser kleinen Szene eine Geschichte erwachsen sollte, die weit über den Garten hinauswirkte.

Ein Antrag beim Brettspiel

Am selben Abend saßen der Stadtrichter und sein Gast in der Laube, das Brettspiel lag zwischen ihnen, und die Figuren klackten leise auf dem Holz. Doch das Spiel wollte nicht recht gelingen, denn Kagelwidt war zerstreut, und schließlich legte er die letzte Dame verloren zur Seite.

„Ihr spielt schlecht heute“, sagte Hieronymus Kuh, „was drückt Euch?“
Kagelwidt zögerte, dann sprach er offen: „Mir fehlt ein Hauswesen, Herr Stadtrichter, und ich halte um Eure Tochter an.“

Der Vater schwieg lange, denn der Gedanke war unerwartet. Doch während er nachdachte, erkannte er, dass er seinem Kind keinen besseren Mann wünschen konnte. Dennoch wollte er Trude selbst hören lassen, und so schickte er den Rat fort mit dem Versprechen einer Antwort am nächsten Tag.

Als Trude von dem Antrag erfuhr, lächelte sie nur und sagte: „Wenn Ihr glaubt, Vater, dass er mich lenken will, irrt Ihr euch. Doch ich halte ihn für klug genug, es nicht zu versuchen.“

Bald darauf wurde die Verlobung bekannt gegeben, und zugleich stellte sich eine neue Frage. Das prächtige Haus trug noch keinen Namen, und ein solches Haus, so meinte Trude, verdiene ein Schild, das ihm gerecht werde. Deshalb lud man Freunde und Verwandte ein, und bei Wein und Gelächter wurden Vorschläge gemacht, von fromm bis verspielt. Doch keiner überzeugte.

Die Enthüllung und der bleibende Name

Am Sonntag der Feier war die Straße geschmückt. Teppiche hingen aus den Fenstern, Blumen rankten bis zum Giebel, und die Menschen sammelten sich neugierig vor dem Haus. Eine Leinwand verhüllte das neue Schild, und niemand wusste, was der Maler darunter verborgen hatte. Nur Kagelwidt wirkte gelassen, während Trude ein leises Unbehagen verspürte.

Als die Hülle fiel, brach Gelächter los. Zu sehen war ein Brettspiel mit vierundsechzig Feldern, und daneben eine Kuh, die scheinbar einen Stein bewegen wollte. „Die Kuh am Brett“, riefen die Leute, und der Ruf pflanzte sich fort. Der Stadtrichter erbleichte vor Zorn.

„Das ist eine Schmach“, sagte er scharf.
Doch Kagelwidt hob beschwichtigend die Hand. „Seht noch einmal genau hin“, entgegnete er ruhig.

Mit einem Zug verschwand die Kuh, und darunter erschien die Inschrift: Das Haus zum Brettspiel, umkränzt von Rosen. Da brandete Jubel auf, und selbst Hieronymus Kuh musste lachen, als er den Streich erkannte. Trude atmete auf und sagte leise: „Ihr wart nahe daran, meinen Stachel zu spüren.“
„Und doch habt Ihr mir verziehen“, antwortete Kagelwidt.

So blieb das offizielle Schild zwar das Brettspiel, doch das Volk vergaß die Kuh nicht. Denn was einmal Gelächter geweckt hatte, hielt sich hartnäckiger als jede Inschrift. Noch lange sprach man in Wien von dem Haus, wo die Kuh am Brett spielt, und mit jedem Erzählen wuchs die Geschichte ein wenig weiter, während das Bild im Gedächtnis der Stadt seinen festen Platz behielt.


Häufig gestellte Fragen – FAQ

Was bedeutet „Wo die Kuh am Brett spielt“?

Der Ausdruck „Wo die Kuh am Brett spielt“ ist eine alte Wiener Redewendung, die auf eine lokale Sage aus der Bäckergasse zurückgeht. Sie beschreibt eine ungewöhnliche oder absurde Situation, die im Volksmund sprichwörtlich wurde.

Wo liegt die Bäckergasse in Wien?

Die Bäckergasse befindet sich im ersten Wiener Gemeindebezirk, der Inneren Stadt. Sie zählt zu den historischen Gassen Wiens mit einer langen kulturellen Tradition. Mittlerweile ist sie kein Gasse mehr sondern Straße, also Bäckerstraße.

Worum geht es in der Sage von der Kuh am Brett?

Die Sage erzählt von einem außergewöhnlichen Vorfall, bei dem eine Kuh auf einem erhöhten Holzbrett oder Balkon erschienen sein soll. Die Geschichte entwickelte sich zu einer humorvollen und zugleich mysteriösen Erzählung.

Hat die Sage einen historischen Kern?

Wie viele Wiener Sagen basiert auch diese vermutlich auf einem realen Ereignis, das im Laufe der Zeit ausgeschmückt wurde. Konkrete historische Belege sind jedoch begrenzt.

Warum wurde die Geschichte so bekannt?

Die ungewöhnliche Bildhaftigkeit der Erzählung – eine Kuh auf einem Brett in einer engen Stadtgasse – machte die Geschichte einprägsam. Sie wurde über Generationen weitergegeben.

Gibt es ähnliche Sagen in Wien?

Ja, Wien ist reich an Volkslegenden und humorvollen Erzählungen. Viele Geschichten verbinden alltägliche Begebenheiten mit übernatürlichen oder überraschenden Elementen.

Welche Bedeutung hat die Sage heute?

Heute gilt die Geschichte vor allem als Teil des Wiener Kulturerbes. Sie zeigt, wie Volksmund, Humor und städtische Geschichte miteinander verschmelzen.

Warum faszinieren Wiener Sagen bis heute?

Wiener Sagen verbinden historische Orte mit erzählerischer Fantasie. Sie geben Einblick in das Denken früherer Generationen und verleihen bekannten Straßen eine geheimnisvolle Tiefe.


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